Wenn man die wichtigsten Religionen Japans nennen will, so sind dies der Shintō und der Buddhismus. Der Shintō stellt ein Ensemble aus Naturverehrung, Ahnenkult und gemeinschaftlichen Ritualen dar, das sich seit der Antike herausgebildet hat. Er besitzt weder einen klar definierten Religionsstifter noch kanonische Schriften. Verehrt werden vielmehr Naturphänomene wie Bäume, Flüsse oder bestimmte Berge sowie Tiere wie Füchse oder Bären. Der japanische Ausdruck yaoyorozu no kami („acht Millionen Götter“) bringt die shintōistische Vorstellung zum Ausdruck, dass allen Dingen eine göttliche Präsenz innewohnt.
Demgegenüber ist der Buddhismus eine Weltreligion, die um die Zeitenwende in Indien entstand und über ausgearbeitete Lehren, Schriften und eine organisierte Mönchsgemeinschaft verfügt. Nach Japan gelangte der Buddhismus im 6. Jahrhundert über China und die koreanische Halbinsel.
Im Folgenden wird das Verhältnis von Shintō (Schreinen) und Buddhismus (Tempeln) in Japan von der Antike bis zur Moderne historisch dargestellt und anschließend die gegenwärtige Situation erläutert. Insgesamt lässt sich diese Entwicklung als ein langfristiger Prozess von „Verschmelzung, Trennung und Neuordnung“ verstehen.
- 1 Das Verhältnis von Shintō und Buddhismus
- 1.1 1. Die Einführung des Buddhismus und seine Begegnung mit dem Kami-Glauben (6.–7. Jahrhundert)
- 1.2 2. Entstehung und Ausgestaltung des Shintō-Buddhismus
- 1.3 3.Meiji-Restauration und Trennung von Shintō und Buddhismus (spätes 19. Jahrhundert)
- 1.4 4.Die Situation von Schreinen und Tempeln im Nachkriegsjapan
Das Verhältnis von Shintō und Buddhismus
In der japanischen Geschichte existierten diese beiden Religionen nicht einfach nebeneinander als voneinander getrennte Systeme. Vielmehr standen sie über einen langen Zeitraum hinweg in einem engen Wechselverhältnis, in dem sie sich gegenseitig durchdrangen und ergänzten. Gerade diese wechselseitige Integration stellt eines der zentralen Charakteristika der japanischen Religionsgeschichte dar.
1. Die Einführung des Buddhismus und seine Begegnung mit dem Kami-Glauben (6.–7. Jahrhundert)
Der Buddhismus gelangte nach allgemeiner Auffassung Mitte des 6. Jahrhunderts (traditionell datiert auf 538 oder 552) nach Japan. In seiner Frühphase wurde er vor allem von der herrschenden Elite und dem entstehenden Staatswesen als Bestandteil einer fortgeschrittenen Hochkultur und als Instrument staatlicher Ordnung rezipiert.
Zu diesem Zeitpunkt existierte in Japan bereits ein einheimischer Kami-Glaube (der spätere Shintō). Dieser stellte jedoch kein exklusives oder dogmatisch geschlossenes Religionssystem dar, sondern zeigte sich offen gegenüber der Vorstellung, dass die spirituelle Kraft der Buddhas die bereits vorhandenen Gottheiten ergänzen könne.
Von zentraler Bedeutung ist, dass der Buddhismus die einheimischen Götter nicht negierte. Vielmehr wurden die Kami als Schutzgottheiten des buddhistischen Gesetzes (gohōshin) oder als noch im Kreislauf des Leidens verhaftete Wesen interpretiert. Diese Haltung bildete die theologische Grundlage für die spätere Entwicklung des Shintō-Buddhismus.
2. Entstehung und Ausgestaltung des Shintō-Buddhismus
Während der Nara- und Heian-Zeit (8.–12. Jahrhundert) entwickelte sich der sogenannte Shintō-Buddhismus (shinbutsu shūgō). Dabei handelte es sich nicht um ein bloßes Nebeneinander, sondern um eine theoretisch reflektierte Verschmelzung beider Traditionen. Besonders einflussreich war hierbei die Lehre von honji suijaku(本地垂迹説), nach der Buddhas und Bodhisattvas die eigentliche Wesenheit (honji) darstellen, während die japanischen Gottheiten deren zeitlich und räumlich bedingte Erscheinungsformen (suijaku) sind.
Auf dieser Grundlage wurden konkrete Entsprechungen hergestellt: So wurde etwa der Gott Hachiman mit Amida Buddha identifiziert, während Amaterasu, die Sonnengöttin des Shintō, mit dem kosmischen Buddha Dainichi Nyorai gleichgesetzt wurde. Dadurch wurden die Kami in das buddhistische Heils- und Erlösungssystem integriert.
In dieser Epoche verfügten viele Schreine über angegliederte Tempel, sogenannte jingūji, in denen shintōistische und buddhistische Rituale gemeinsam praktiziert wurden. Umgekehrt besaßen viele Tempel eigene Schutzschreine. Die klare Unterscheidung zwischen „Schrein“ und „Tempel“, wie sie heute selbstverständlich erscheint, war im vormodernen Japan weitgehend unbekannt. Diese Situation bestand im Wesentlichen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts fort.
3.Meiji-Restauration und Trennung von Shintō und Buddhismus (spätes 19. Jahrhundert)
Im Zuge der Meiji-Restauration leitete Japan in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Übergang von der feudalen Ordnung zu einem modernen Nationalstaat nach europäischem Vorbild ein. In diesem Zusammenhang erließ die neue Regierung 1868 das Edikt zur Trennung von Shintō und Buddhismus (shinbutsu bunri).
Ziel dieser Maßnahme war es, den Shintō als staatliches Ritualsystem neu zu organisieren und institutionell vom Buddhismus zu trennen. In der Folge wurden die jingūji abgeschafft, buddhistische Bildwerke aus Schreinen entfernt und zahlreiche Mönche zur Rückkehr in den Laienstand gezwungen. Begleitet wurde dieser Prozess von der sogenannten Haibutsu kishaku-Bewegung, die vielerorts zu massiven Zerstörungen buddhistischer Einrichtungen führte. Erstmals in der japanischen Geschichte wurden Shintō und Buddhismus somit institutionell voneinander getrennt.
Entstehung des Staats-Shintō
Im Zuge dieser Entwicklung wurden Schreine nicht länger als religiöse Einrichtungen, sondern als staatliche Zeremonialstätten definiert. Der Shintō wurde eng mit dem Tennō-System verknüpft, und es entstand der sogenannte Staats-Shintō. In dessen Ideologie galt der Kaiser als göttliches Wesen; shintōistische Weltbilder wurden über das Schulwesen, das Militär und die Bürokratie in die Gesellschaft hinein vermittelt. Der Buddhismus hingegen wurde als „private Religion“ neu eingeordnet und in seinem gesellschaftlichen Einfluss stark eingeschränkt.
4.Die Situation von Schreinen und Tempeln im Nachkriegsjapan
Nach der Niederlage Japans im Zweiten Weltkrieg betrachteten die Alliierten den Staats-Shintō als eine ideologische Grundlage des Militarismus, des Ultranationalismus und der imperialistischen Expansion. Er wurde daher als zentrales Hindernis für die Demokratisierung des Landes angesehen.
Mit der sogenannten Shintō-Direktive vom 15. Dezember 1945 ordneten die Alliierten die Auflösung der Schreinabteilung im Innenministerium an, verboten jede staatliche Beteiligung an der Verwaltung von Schreinen, untersagten staatliche Subventionen für Schreine und verboten shintōistische Rituale sowie Glaubensinhalte im Schulunterricht. Infolgedessen wurden Schreine nicht länger als staatliche Einrichtungen, sondern als Religionsgemeinschaften oder private Organisationen behandelt.
Parallel dazu verkündete der Kaiser am 1. Januar 1946 in der „Erklärung zur Errichtung eines neuen Japan“, dass er kein göttliches Wesen sei, und negierte damit explizit die theologische Grundlage des Staats-Shintō.
Die religiöse Weltanschauung der heutigen Japaner
In der Nachkriegszeit wurde der Staats-Shintō aufgelöst, und sowohl Shintō als auch Buddhismus sind seither verfassungsrechtlich gleichberechtigte Religionen. Institutionell sind Schreine und Tempel klar voneinander getrennt. In der alltäglichen religiösen Praxis der Bevölkerung jedoch lebt eine vormoderne, shintō-buddhistische Denkweise fort.

So werden etwa Neujahrsbesuche meist in Schreinen abgehalten, Bestattungen überwiegend nach buddhistischem Ritus durchgeführt, und Schutz- oder Reinigungsrituale sowohl in Schreinen als auch in Tempeln in Anspruch genommen. Religiöse Zugehörigkeit wird dabei nicht exklusiv, sondern pragmatisch und situationsbezogen verstanden. Gerade diese religiöse Mehrschichtigkeit prägt jene spezifische japanische Religiosität, die aus europäischer Perspektive bisweilen als widersprüchlich oder „unentschlossen“ erscheinen mag.